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Zukunft führen in Coronazeiten

David Stammel ist Geschäftsführer bei bestbion dx GmbH, ein Unternehmen für mikrobiologische Labordiagnostik. Im Vergleich zu vielen anderen Unternehmen, die durch Corona mit Auftragseinbrüchen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, sind die Herausforderungen in der klinisch-medizinischen Diagnostik – ein Wirtschaftsbereich, der im Rahmen einer Pandemie boomt – ganz andere. Ethisch-moralische Abwägungen und schwierige Entscheidungen gibt es für Unternehmer*innen in beiden Fällen. Im Interview gibt uns David Stammel Einblick, welche Probleme und Fragen sich auch für ihn trotz guter Auftragslage ergeben und wie er sich als Unternehmer in dieser besonderen Situation verhält.

David, Du bist in der Geschäftsführung eines Unternehmens in der medizinischen Diagnostik, der bestbion dx GmbH. Aufgrund von Corona haben sich Anfragen bei Euch glücklicherweise extrem vermehrt. Was war für Dich in dieser Situation in der Führung des Unternehmens die größte Herausforderung?

Aufgrund der Hysterie und Panikmache in den Medien habe ich irgendwann gemerkt, dass es mir immer schwerer fiel, aus der Ruhe heraus die Lage zu bewerten und meiner Intuition zu folgen und einen kühlen Kopf zu bewahren. Es war also vor allem eine Herausforderung ruhig und sachlich zu bleiben.

Ich weiß noch, das war in der ersten März-Woche, ein paar Tage vor der Kontaktsperre. Ich war bei einem Treffen einer meiner Mastermind-Gruppen. Die Stimmung war locker, nach dem Motto „es wird schon wieder“. Bis eine Teilnehmerin, die ich ansonsten sehr schätze, mit düsterer Miene die Dramatik der Situation als Endzeitszenario schilderte. Da habe ich gesehen, was mit Menschen passiert, die von ihren Emotionen getrieben werden.
Ich selbst halte mich bereits seit Jahren von den Medien fern. Das bringt nur nichts, wenn die meisten Menschen (darunter eben auch befreundete Unternehmer) sich hiervon ungefiltert beeinflussen lassen und emotional verrücktspielen.

Die fachliche Ausgangslage, die wir als Experten bei bestbion ja immer vor Augen hatten, war eine andere, als es die Medien und die Politik uns weismachen wollten. Hier habe ich mir oft die Rückkehr des gesunden Menschenverstandes gewünscht. Ich habe allerdings lange Zeit unterschätzt, welche Dynamik dieses Thema gesellschaftlich auslösen wird.

Gewinner der Krise zu sein – hin oder her. Es war für mich auch eine große Herausforderung mit der täglichen Masse an Informationen und Botschaften umzugehen: Wie entwickelt sich die politische Lage in den Nachbarländern aus denen wir Produkte einkaufen? Kann die Lieferkette aufrechterhalten werden? Können wir weiterhin liefern? Wie entwickelt sich unser Geschäftsbereich? Wie kann unser Vertrieb trotz Besuchsverbot vor Ort in den Kliniken unseren Kunden weiterhin helfen? Was passiert, wenn einer unserer Mitarbeiter positiv getestet wird etc.?

Obwohl ich als Geschäftsführer gewöhnt bin, täglich hunderte kleine Entscheidungen zu treffen, war diese Situation besonders herausfordernd. Anders als sonst, mussten nicht nur viele kleine Entscheidungen getroffen werden, sondern viele große Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen innerhalb kürzester Zeit. Da bewegst du dich nah am Wahnsinn.

Musstest Du mehr von Deinen Mitarbeitenden verlangen und wie konnten sie das mit ihrem Privatleben vereinbaren?

Das Schöne ist ja, dass wir Mitarbeiter haben, die sich komplett mit Ihrer Arbeit identifizieren und den Anspruch an sich haben, sich selbst das Beste abzuverlangen. Immer im Sinne unserer Vision.

Außerdem trennen wir privat und Arbeit nicht so wie es vielleicht andere Unternehmen tun. Viele haben sich gefreut, dass sie nach wie vor zu uns ins Unternehmen kommen und Gas geben konnten, ein Teil Normalität von der verrückten Welt da draußen. Jeder konnte in dieser Krise beweisen, ob wir unsere Vision, dass kein Mensch auf der Welt aufgrund einer fehlenden Diagnose sterben darf, auch ernst meinen.

Das ist einer der Faktoren woran ich erkenne, was für ein tolles Team wir in den letzten Jahren mit Schweiß und Tränen aufgebaut haben.

Nimm nur mal den Umsatz: Der lag in den Monaten März und April mindestens 100% über Vorjahr, musste aber sogar noch mit vermindertet Man- und Women-Power gerockt werden, weil einige im Home-Office waren! Jeder Mitarbeiter ist in dieser Zeit über sich hinausgewachsen. Und zwar, weil er oder sie es so wollte.

Ja, es war eine harte Zeit, aber im Nachhinein sind wir mächtig stolz auf das, was wir zusammen erreicht haben.

Neben Kund*innen und Mitarbeitenden sind auch Zulieferunternehmen und Geschäftspartner*innen für erfolgreiche und in time Auftragsbearbeitung entscheidend. Welche Erfahrungen hast du mit euren Vertragspartner*innen gemacht?

Da wir keine Produktion haben, sind wir auf unsere internationalen Hersteller angewiesen. Und gerade der internationale Warenverkehr war in der Corona Krise besonders betroffen. Genau hier lagen unsere Flaschenhälse, die Produktion bei unseren Herstellern und die verschiedenen Logistikunternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Wir haben im engen Austausch mit unseren Herstellern täglich versucht, den Warenfluss am Laufen zu halten. Mal mit guten, mal mit weniger guten Erfahrungen seitens unserer Partner.

Da gab es Hersteller, die wir vor ein paar Monaten noch infrage gestellt haben, ob sie überhaupt noch zu uns und unserem Mindset passen. Und andere, da haben wir uns sehr sicher und als wichtiger Partner gefühlt. Aber in solchen Extremsituationen lernst du erst wirklich deine Freunde und deine Feinde kennen.

Ich denke diese intensive Zeit wird dazu führen, dass wir die Auswahl der Firmen, mit denen wir nach Corona zusammenarbeiten wollen, noch mal überdenken werden.

 

Kann ich es mir als Geschäftsführer überhaupt immer leisten, ggf. auch gewachsene Geschäftsbeziehungen zu beenden? Gerade in wirtschaftlichen Krisensituationen, kann einen eine solche Situation als Unternehmer*in und Führungskraft in ein Dilemma bringen. Auf der einen Seite steht das eigene moralische Verständnis von „richtig und falsch“ „ethisch und unethisch“, auf der anderen Seite die Verantwortung als Unternehmer*in für den Erfolg und das Weiterbestehen des Unternehmens, da mit diesen Existenzen Einzelschicksale verknüpft sind. Was geht einem als Unternehmer*in in diesen Situationen durch den Kopf?

 

Ein Sprichwort lautet: „Was krumm beginnt, wird bestimmt auch krumm enden“. Deshalb wehret den Anfängen.

 

Das führt mich zu einem ganz wichtigen Punkt: Bevor ich als Unternehmer einen Geschäftspartner oder ein anderes Unternehmen überhaupt als Partner in mein Unternehmen integriere, muss ich prüfen, ob nicht nur die Produkte passen, sondern auch die gesamte Moral und Werte dieses potentiellen Unternehmens. Stichwort Firmenkultur. Die muss so weit es geht zu der Kultur der Partner (Hersteller, Lieferanten) passen.

 

In meinen Augen muss die Auswahl von Partnern funktionieren wie gutes Recruiting. Aber viele Unternehmer wittern einfach nur eine potenzielle Chance und befassen sich nicht weiter mit möglichen negativen Auswirkungen. Alle Fehler, die wir eventuell schon gesehen, aber verdrängt hatten, haben wir in dieser Extremsituation auch wieder deutlich zu spüren bekommen.

 

Mittlerweile wissen wir, wie wichtig die Auswahl von Partnern vor der Kooperation ist, um dieses Dilemma zu vermeiden. Denn am Ende kannst du dir es nicht leisten, mit den falschen Partnern zusammenzuarbeiten. Sie sind ein Risiko für deine Werte und für deine Mitarbeiter, die hoffentlich nach den Werten deiner Firma leben. Und das wirkt sich dann letzten Endes auf die Kunden aus.

 

Natürlich musst du in der Rolle als Geschäftsführer beim Umgang mit Partnern viele Faktoren bedenken. Nur weil dir jemand mal auf die Nerven geht, kannst du nicht direkt eine laufende Geschäftsbeziehung beenden. Das ist immer ein Balanceakt.

 

Bei Euch als Bio-Life-Science-Unternehmen ist es ja auch so, dass Eure Produkte gerade in Coronazeiten dringend gesellschaftlich benötigt werden. Auf der einen Seite positiv, auf der anderen Seite aber auch eine Herausforderung, da durch die Coronapandemie auf vielen Mitarbeitenden psychische Belastungen durch Lockdown, Risikoprofile, Zukunftsängste etc. lasten. In dieser Situation könnt ihr zwar Arbeitsplatzssicherheit auf der einen Seite garantieren, auf der anderen Seite allerdings auch viele Stunden Arbeit und Performancedruck durch einen erhöhten Anspruch an den laufenden Vertrieb. Was kann deiner Meinung nach eine Führungskraft oder ein*e Unternehmer*in tun, um diese zwei Seiten einer Medaille auszubalancieren? Umsatz und Produktion für die Gesellschaft auf der einen und die psychische Gesundheit/Belastbarkeit der Mitarbeitenden auf der anderen Seite?

 

Diese Balance lässt sich nur herstellen, wenn du optimistische Mitarbeiter hast, die nicht einfach einer Tätigkeit in irgendeiner Firma nachgehen. Sie müssen den Sinn ihrer Arbeit kennen. Und bei uns passt der Sinn perfekt mit unserer Firmenphilosophie „Menschen retten, Leben erhalten“ überein.

Das muss die Motivation sein. In meinen Augen funktioniert nur das als Motivator. Selbst wenn ich vorher mit einem prognostizierten Bonus-Scheck gewedelt hätte, nach dem Motto „so Leute, auf geht’s“ hättest du eher Menschen verbrannt als Ihnen einen Gefallen zu tun. Würden unsere Krankenschwestern und Pfleger nach diesem Schema ticken, hätten wir nicht nur in Deutschland direkt die Lichter ausmachen können.

Nichts ist wichtiger bei der Führung in dieser Situation, als dass du gnadenlos transparent bist. Kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren. Mindestens einmal am Tag alle Neuigkeiten an alle. Das war für mich eine wertvolle Erkenntnis.

Menschen wollen auch bei ihrer Arbeit in einer solchen Situation wissen, dass sie in einer Gemeinschaft sind, die ihnen Sicherheit und Optimismus gibt. In einem gesunden Team, in dem sich alle aufeinander verlassen können, in dem gegenseitigen Vertrauen besteht so eine extreme Situation zusammen zu meistern.

Auch hier haben wir viele Jahre Vorarbeit geleistet. Wenn du vorher nicht ein gesundes Team aufbauen konntest, dann wird sich das in so einer Extremsituation bitter rächen. Das ist die Verantwortung des Unternehmers. Hast du vorher nur Respekt aufbauen können, indem du durch Angst und Schrecken geführt hast, dann fällt dir das jetzt erst recht auf die Füße.

 

Hattest Du die Überlegung, als eins der wenigen erfolgreichen Unternehmen etwas von Deinem „Glück“ zurückgeben zu müssen?

Ich habe letztens ein beeindruckendes Interview mit Klaus Tschierer gesehen (das ist einer der Mitgründer von SAP). Er ist nach dem Ausstieg bei SAP zum Multimilliardär geworden. In diesem Interview wurde ihm eine ähnliche Frage gestellt. Seine Antwort: „Ich habe nichts geklaut, also muss ich auch nichts zurückgeben.“

 

Das ist natürlich ein bisschen überspitzt formuliert. Aber Klaus Tschira lässt Millionen in Forschungsprojekte fließen, von denen er überzeugt ist, dass es die Menschheit weiterbringen. Aber er bringt es schon gut auf den Punkt, denn leider wird in Deutschland diese Frage oft aus Neid gestellt, was in meinen Augen nicht gut ist.

 

In Deutschland wirst du sowieso zu einem gewissen Teil zu deinem „Glück“ gezwungen. Macht ein Unternehmen wie meines selbst in der Krise Supergewinne, dann zahlt es auch Supersteuern. Ich denke allein so tragen wir einen großen Teil dazu bei, dass die Geldgeschenke, Förderprogramme und Konjunkturpakete, die während der Krise verteilt wurden, auch irgendwoher zurückgezahlt werden können. Im Gegensatz zu einigen großen Konzernen, sehe ich mich da schon in der Verpflichtung, dem Staat einen Teil zu überlassen.

 

Ich bin aber auch ein wenig spirituell eingestellt. Ich denke es ist wichtig, etwas darüber hinaus zurückzugeben. Bestbion hat ein eigenes Spendenkonto, auf das wir von jedem Euro Gewinn einen bestimmten Prozentsatz für Spendenzwecke zurückhalten. Das haben wir auch schon lange vor Corona so gemacht. Und bei der Höhe der Beträge kassiert der Staat erneut kräftig mit.

Vielen Dank für das Interview

Das Interview führte Simone Erven, Vorstandsmitglied

 

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